lang gesagt: zwei jahre abenomics - eine fortschrittsanalyse

premierminister shinzo abe versprach einen feuersturm an strukturreformen. was kam war ein nieselregen an reförmchen von denen der großteil noch in der ankündigungsphase steckt. eine übersicht über abes reformfortschritte seit 2012.

jede debatte über das für und wider von abenomics, wie sich shinzo abes dreiteilige wirtschaftsstrategie so clever nennt (die regierung spricht von drei pfeilen, die abgeschossen werden: lockere geldpolitik, lockere fiskalpolitik, und der sogenannte „dritte pfeil“, strukturreformen), hat immer etwas von einer diskussion darüber, ob das glas halb voll oder halb leer sei: sie sagt immer mehr aus über die überzeugungen desjenigen, der die analyse macht, als über den eigentlichen diskussionsgegenstand.

ein blick auf die ‚das glas ist halb voll’ übersicht der regierung (link) reicht aus, um zu erkennen, dass die fundamentalen veränderungen mehr herbeigeschwatzt als herbeigearbeitet werden: um beispielsweise klar positive auswirkungen von abenomics aufzuzeigen, muss die regierung auf minimale veränderungen in den zahlen verweisen. wie zum beispiel auf die dürftigen $900,000, die innerhalb eines jahres von japanischen lokalregierungen in neue unternehmen investiert wurden, als beweis für ein neues level an unterstützung für den gründergeist; oder auf nisa (nippon individual savings accounts, ein neues konto, das den otto normalverbraucher zum aktienkauf animieren soll), denen beigeschrieben wird, dass sie ‚erhebliche’ ressourcen von privathaushalten in die anlagemärkte umleiten würden – in wahrheit wurden die nisa nur sehr verhalten aufgenommen und bleiben weit hinter den gesteckten zielen zurück, breitere (und jüngere) schichten zu anlegern zu machen (siehe grafik unten): sumitomo mitsui asset management zufolge sind lediglich 12% der nisa von erstanlegern eröffnet worden, und nur 11% der konten werden von unter 40-jährigen gehalten.

alle erwähnten datensätze und mehr gibt es unter data sets

tatsache ist, dass selbst zu beginn des dritten jahres von abenomics die erfolgsbilanz viel durchwachsener ist als das büro des premiers sich das eingestehen möchte. dieses lang gesagt präsentiert im nachfolgenden eine detaillierte analyse der reformfortschritte und misst die erfolge an den zielen, die die regierung ausgegeben hat. nach diesen maßstäben beurteilt  fällt die bilanz bisher sehr unheitlich aus, auch wenn es neuerdings einige ermutigende signale gibt.

was ist der ‚dritte pfeil‘?alles.

abenomics zielt auf drei bereiche ab, um japans lebensgeister wiederzuerwecken: ertragskraft, humanressourcen, und deregulierung. im nachfolgenden wird der fortschritt in allen diesen bereichen analysiert. abes kabinett hat daneben auch noch eine reihe von zehn spezifischeren schlüsselmaßnahmen ausgegeben, die darauf abzielen, einen welleneffekt zu erzeugen, der die japanische wirtschaft aus der misere hieven soll:

die wiederherstellung von japans ertragskraft

so weit der plan. und in der tat schlägt abenomics viele wellen, insoweit ist die beobachtung des kabinettbüros zutreffend. die wichtigere frage ist jedoch, ob die wellen in die richtige richtung schwappen.

im bereich ‚wiederherstellung von japans ertragskraft‘ hat abe beispielsweise die unternehmenssteuer um 2,4% gesenkt. ebenso hat er auch erfolgreich den nationalen rentenfonds (government pension investment fund, oder kurz gpif), einen der größten weltweit, dazu gebracht, sein portfolio renditeorientierter umzugestalten – und sich auf strengere regeln zur unternehmungsführung zu verpflichten, die im juni 2015 eingeführt wurden.

schaut man sich die relativ glanzlose leistung des rentenfonds über die letzten jahre hinweg an (die stark der generellen wirtschaftsentwicklung des landes folgt) wäre ein ausgewogeneres portfolio in der tat eine gute idee, besonders auf lange sicht. im anbetracht des guten abschneidens der japanischen börse jedoch, vor allem im verband mit der schwächelnden leistung an anderen märkten, stellt sich die frage ob abe dem öffentlichen wohl nicht gerade einen bärendienst erweist (siehe grafik unten):

insgesamt haben japans firmen über die letzten beiden jahren robuste erträge geerntet (siehe grafik unten), aber das hat nur wenig mit der marginal niedrigeren unternehmenssteuer oder dem ‚dritten pfeil‘ von abenomics zu tun. vielmehr stützen sie sich auf die ultralockere geldpolitik der zentralbank (‚kurodanomics‘, benannt nach dem gouverneur der notenbank) und die damit verbundene schwäche des yen (gut für exporteure) sowie auf den optimismusgestützten börsenaufschwung, was deutlich wird, sobald man einen blick auf die zahlen wirft (siehe grafik). der vorgezogene kaufrausch vor der mehrwertsteuererhöhung im april 2014 verzerrt zwar das bild im jahresvergleich etwas, aber der trend ist klar erkennbar:

 wie stark die ertragsleistung japanischer firmen mit kurodanomics zusammenhängt wird deutlich, wenn man die verteilung der firmenprofite betrachtet. mehr als die hälfte des gesamtprofits der 1411 im ersten börsenabschnitt der tokioter börse gelisteten firmen wurde von nur dreißig firmen erwirtschaftet (siehe grafik unten):

doch was machen diese erfolgreichen firmen mit ihren erträgen? die privatinvestititionen haben tatsächlich einen positiven umschwung seit anfang 2013 gesehen (siehe grafik unten). das sind gute neuigkeiten für abenomics, denn steigende privatinvestititionen sind unabdingbar, um japans wirtschaft wiederzubeleben: der japanischen zentralbank zufolge (link) haben japanische firmen rekordträchtige 230 billionen yen angespart – diese summe entspricht etwa der hälfte der japanischen wirtschaftsleistung (ca. ¥530 billionen, oder €4 milliarden). um japans abgewetztem zukunftsausblick wieder etwas farbe zu verleihen muss ein teil dieser kolossalen ersparnisse zurück in die realwirtschaft fließen. in dieser hinsicht kann shinzo abe größtenteils gute neuigkeiten verkünden.die privatinvestititionen haben sich seit 2013 robust entwickelt. doch die ebenfalls stark gestiegenen firmengewinne beudeuten, dass japanische firmen noch immer nicht vom ersparten zehren.

ebenso wichtig ist es zu wissen, dass japanische bosse oft ihre investitionen nicht in japan, sondern im ausland tätigen: im jahr 2013 floss die rekordsumme von über €120 milliarden an direktinvestitionen ins ausland ab. und während die regierung einen freudentanz aufführt für jedes nachrichtenschnipsel über eine japanische firma, die produktion aus dem ausland nach japan zurückverlagert, um vom billigen yen zu profitieren, wird sich der längerfristige trend in den ausländischen direktinvestitionen nicht umkehren. man muss nur an den demografischen wandel oder den schrumpfenden japanischen binnenmarkt denken.

insgesamt hält abes bilanz für firmen genügend positives in petto, damit japans bosse immer noch mit einigem optimismus in die zukunft schauen können. und so legen sowohl die tankan umfrage der japanischen notenbank, als auch die breiter angelegte wirtschaftsbeobachterumfrage des kabinettsbüros nahe, dass für japans firmenchefs das ende des geduldfadens mit abes reformbemühungen noch nicht in sicht ist – noch nicht.

umgekehrt sieht die lage allerdings etwas anders aus und premierminister abes geduld mit dem privatsektor findet langsam ihr ende. nachdem er auf unzähligen golfausflügen versucht hat, firmenbosse davon zu überzeugen ihre dagobertschen geldspeicher zu verkleinern und höhere löhne zu zahlen – beides mit nur gemischtem erfolg – hat er nun gegen starke widerstände aus der wirtschaft neue grundsätze der unternehmensführung durchgesetzt. obwohl diese juristisch nicht bindend sind, drängen sie firmen unter androhung öffentlicher bloßstellung dazu, mehr direktoren (eine funktion, die vorstand-und aufsichtsratfunktionen vereint) von außerhalb hereinzubringen, sowie empfänglicher für aktionärsangelegenheiten zu sein. auch in diesem bereich gibt es ermutigende signale, vom altmodischen autolzulieferer fanuc (dessen firmenwebsite ein wahrer retro-genuss ist: link), bis hin zu der wachsenden heerschar an vorständen von außerhalb. der japanischen börse zufolge hatte 2010 weniger als die hälfte aller firmen, die im ersten börsenabschnitt gelistet waren, einen direktor von außerhalb. mittlerweile haben 75% der firmen mindestens einen.

diese entwicklung began schon lange bevor shinzo abe das ruder übernahm, aber sie bekam sicherlich neuen ansporn durch den elan, mit dem die abe regierung das thema vorantreibt. die frage allerdings ist, ob es nur die menge ausmacht: schließlich hat sich in der zeit von 2004 bis 2012 (vor der wahl abes) der anteil an firmen mit direktoren von außerhalb fast verdoppelt. doch genau in diese zeit fallen einiger der größten firmenskandale japans, wie zum beispiel der olymus skandal, und sogar erstarkende kritik an den regeln japanischer unternehmensführung.

dem zugrunde liegen viele strukturelle problem, die auch die neuen regeln nicht anpacken: zum beispiel, dass diese vermeintlich außwärtigen und unabhängigen direktoren nicht streng genug daraufhin durchleuchtet werden, ob sie tatsächlich unabhängig sind und keine spezl von vorstandsmitgliedern innerhalb der firma. die neuen regeln sind dennoch ein willkommener schritt in die richtige richtung.

und so ist die bilanz von abenomics und der wiederherstellung von japans ertragskraft eine von ‘ja, aber’. firmen haben robuste gewinne erzielt, die aber sehr ungleich verteilt sind. und dank dieser gestiegenen einnahmen sind die privatinvestitionen zwar gestiegen, aber nicht so stark, dass die firmen an ihrem massiven berg von erspartem zehren müssten – und viel fließt ins ausland. noch sind japans geschäftemacher aber gewillt, abe einen vertrauensvorsprung zu gewähren.

humanressourcen

der zweite teil von abenomics ‘drittem pfeil’ zielt auf die arbeiterschaft. als wären kuradonomics und abenomics nicht schon genug –nomics, hat premier abe auch womanomics zu einem zentralen bestandteil seiner reformpläne erkoren. tatsächlich ist die erwerbsquote der frauen seit 2012 kontinuierlich gestiegen (siehe grafik unten).

ein beträchtlicher teil dieses anstiegs ist allerdings zurückzuführen auf einen noch stärkeren anstieg der anzahl von frauen, die in teilzeit arbeiten. ihr anteil ist von 28% seit 1990 auf 43% im jahr 2012 gestiegen, und stellte letztes jahr mit 47.5% einen rekord auf (die rote linie in der obigen grafik). frauen machen mittlerweile 70% aller teilzeitbeschäftigten aus. abes anspruch ist es aber, nicht einfach nur frauen in die erwerbstätigkeit zu führen, sondern sie auf den karrierepfad zu geleiten – und damit natürlich auch in steuer- und sozialversicherungspflichtige arbeitsverhältnisse. an dieser front ist abe der große wurf noch nicht gelungen. ironischerweise untergräbt abes erfolg im steigern der erwerbsquote für frauen – aber eben durch teilzeitarbeiterinnen, die zu geringen und flexiblen bedingungen eingestellt sind – seine bemühungen japans seit jahren stagnierendes lohnniveau in bewegung zu versetzen.

höhere löhne sind von zentraler bedeutung, um deflationäre erwartungen umzukehren und optimistische lebens (-und konsum) geister zum leben zu erwecken. doch das lohnniveau erweist sich als besonders widerspenstiger gegner. zwar erhöhen viele japanische firmen ihre lohnzahlungen, vor allem die großen und international tätigen, aber zu viele von abes eigenen politischen maßnahmen laufen dem zuwider:

zum einem der gerade erwähnte anstieg in der zahl der teilzeitkräfte. diese machen mittlerweile fast 40% aller japanischen beschäftigten aus (siehe grafik unten). sie bekommen außerdem keine bonuszahlungen (und die gegenwärtigen lohnsteigerungen werden hauptsächlich über boni ausgeschüttet und gehen damit an denjenigen beschäftigten, die sie am meisten brauchen würden, vorbei). firmen stellen mittlerweile teilzeitarbeiter in einer rate ein (3.8% im april 2015), die fast doppelt so hoch ist wie die für vollzeitangestellte (1.3%).

zum anderen arbeitet auch kurodanomics, die lockere geldpolitik der zentralbank, gegen abenomics im bezug auf das lohnniveau. die gestiegene inflation drückt nämlich die reallöhne (siehe grafik unten). die basislöhne sind zwar seit 2013 tatsächlich gestiegen, was an sich schon eine errungenschaft für abe darstellt, der auf unzähligen golfwochenenden  japans bosse dazu gebracht hat, ihren arbeitern mehr zu bezahlen. hauptsächlich aber haben firmen höhere boni ausgeschüttet, die aber nach dem gutdünken der firma ausgezahlt werden – oder eben nicht – und die die teilzeitangestellten übergehen. aus diesen gründen waren die auszahlungen nicht ausreichend, um den inflationären druck auszugleichen: die reallöhne sind seit dem beginn der geldlockerungspolitik durchgängig gesunken. zum ersten mal in zwei jahren scheint es nun so, als würde sich das ändern, angetrieben von einer runde an tarifverhandlungen und einer gesunkenen inflationsrate. sollten sich diese zahlen als mehr als nur ein blip auf dem radar herausstellen, wäre es ein bedeutender punktesieg für abe. 

die uneindeutigkeit dieser entwicklungen schlägt sich natürlich nieder im auf und ab des konsumklimaindex. insgesamt schauen die konsumenten immer noch mit mehr optimismus in die zukunft als vor abes amtsantritt. anders als ihre chefs haben sie sich allerdings von den hochgeschraubten erwartungen für eine schnelle trendwende verabschiedet. ihr vertrauensvorschuss für abes reformprogramm ist bedeutend geringer als der ihrer chefs (siehe grafik unten)

die privaten konsumausgaben haben sich seit dem beginn von abenomics dementsprechend zurückgehalten, mit abweichungen vom trend nur im märz 2014 vor der mehrwertsteuererhöhung  - und im jahresvergleich im märz 2015 (siehe grafik unten). während abes wirtschaftspolitik also ein günstiges klima für den international tätigen sektor der japanischen wirtschaft geschaffen hat ist die inländische stimmung noch relativ bedrückt. und hier noch ein aber: im april haben die einzelhandelsumsätze um 5% zugenommen, der stärkste zuwachs seit 2 jahren. erweist sich auch das als mehr als nur ein temporärer ausweicher, könnte das einen weiteren wichtigen punktesieg für abe bedeuten. schließlich ist dieser scharfe kontrast in der perspektive und den gewinnzuteilungen zwischen japans internationalem wirtschaftszweig und kapitalbesitzern auf der einen seite, und mittelständlern und konsumenten auf der anderen einer der großen gräben in abes wirtschaftsstrategie.

das letzte unterziel unter der überschrift humanressourcen ist es globales talent nach japan zu bringen. die leistung der regierung auf diesem feld ist schwach und blieb selbst hinter ihren selbstgesteckten, ohnehin schon sehr niedrigen, zielen noch zurück. bei der einführung von neuen aufenthaltserlaubnissen für hochtalentierte arbeiter, beispielsweise, hat die regierung angekündigt, dass die verfügbare zahl auf 2000 im jahr begrenzt werde, damit der „zufluss begrenzt“ werden könne. tatsächlich bewarben sich im ersten jahr nur 313 für dieses visum. ein jahr später waren es 779 und bis juni 2014 kamen insgesamt 1446. mehr als zwei jahre nach ihrer einführung hat diese maßnahme nur enttäuschende ergebnisse gebracht. insgesamt ist die anzahl an ausländischen arbeitern stärker gewachsen (zwischen 2013 und 2014 kamen etwas 70,000), aber viel davon ist zurückzuführen auf das starke wachstum an arbeitserlaubnissen für studenten. 

damit ist auch unter der überschrift ‚humanressourcen’ abenomics eine geschichte von abers und vielleichts: abe hat sicherlich veränderungen in die arbeitswelt gebracht, indem er mehr frauen in die erwerbstätigkeit brachte, oder indem er reformen begann, die bezahlung unabhängiger von geleisteten stunden zu machen und stattdessen mehr mit der leistung zu verbinden. eine wild wuchernde irreguläre arbeiterschaft allerdings war sicherlich nicht eines seiner vorhaben, genau so wenig wie die damit verbundene lohndepression. ebensowenig ist japan zu einem anziehungspunkt für die begabten der welt geworden. damit sich die bilanz von abenomics in dieser kategorie verbessert, muss abe seine reformbemühungen verstärken. ein paar zweitklassige greencards und das heraufspielen des beschäftigungsklimas wird japans wirtschaft nicht lange stützen.

deregulierung

letztendlich aber wird die gegenwärtige klippenwanderung auf den feldern ‚wiederherstellung von japans ertragskraft’ und ‚humanressourcen’ nur zu sichererem terrain führen, wenn abe seine versprechungen im dritten abenomics feld, der deregulierung, einhält. der vertrauensvorsprung von japans firmenbossen basiert auf diesem versprechen, genau wie die hoffnung auf eine trendwende auf dem arbeitsmarkt: firmen werden nur dann mehr angestellte mit regulären arbeitsverträgen einstellen, wenn eine neueinstellung nicht mehr einem unkündbaren arbeitsvertrag auf lebenszeit gleichkommt. ohne einen flexibleren arbeitsmarkt wird sich die gegenwärtige neueinstellungsformel von ‚teilzeiteinstellungen = ≥2x vollzeiteinstellungen’nicht ändern.

der fortschritt von abenomics auf diesem gebiet kann man bestenfalls als durchwachsen bezeichnen. abe hat beispielsweise beim unterziel ‚förderung von unternehmensgründungen’ darin versagt, japans gründergeister wachzurütteln. und der abwärtstrend in der anzahl von neugegründeten unternehmen, die sich geldmittel von außerhalb beschaffen (also im wachstumsprozess angekommen sind), hat sich unter abe fortgesetzt (siehe grafik unten):

insgesamt ist abes tatenprotokoll recht kurz, wenn es um deregulierung geht. in der regierung herrscht ideenknappheit wenn es darum geht die jugend von heute so gründerfreudig zu machen wie ihre eltern und großeltern es waren – was sich auch in der notwendigkeit zeigt die dürftigen $900,000, die im zeitraum von über einem jahr von allen lokalregierungen japans in startups investiert wurden, als beweis anzuführen für neue höhen in der unterstützung für gründer (link).

shinzo abes leistung ist bedeutend stärker in der landwirtschaftspolitik, in der abenomics darauf hinarbeiten möchte, eine ‚proaktive landwirtschaftspolitik’ zu erreichen. das ist das feld, auf dem abe einige seiner bedeutensten errungenschaften vorzeigen kann: die reform des landwirtschaftlichen produktions-und subventionssystems (das gentan system), und von ja zenchu (japan agricultural cooperative), dem einst so mächtigen politischen arm der bauernverbände. diese reformen wurden zwar von vielen beobachtern als bloße erste trippelschritte oder rein kosmetische änderungen kleingeredet. aber sogar in ihrem beschränkten ausmaß sind diese reformen von großer bedeutung, in mehrerlei hinsicht: das japan institute for international studies and training, zum beispiel, rechnet vor, dass für alle ¥1.8 billionen (etwa €13 milliarden) wert an japanischem reis die steuerzahler ¥1tn hinlegen müssen (siehe grafik unten). eine gewaltige umverteilungsmaschine.

abe verdient anerkennung schon für die bloße tatsache, dass er gegen diese mächtigen und alteingessenen strukturen und ja zenchu angeht – etwas, das sich kein premier vor ihm getraut hate. japans im aussterben begriffener (wortwörtlich: die überwältigende mehrheit der landwirte sind über 65 jahre alt, und fast die hälfte aller ja zenchu mitglieder über 70) landwirtschaftssektor muss umstrukturiert werden, wenn er wieder zu mehr werden soll als nur ein hemmschuh in allen freihandelsabkommen und eine gigantische und ineffiziente steuerumverteilungsmaschine. und zu guter letzt sind diese reformen politisch (mehr noch als wirtschaftlich, da die landwirtschaft nur etwa 1,2% von japans inlandsprodukt ausmacht) bedeutsam, weil sie zeigen was abe und sein beachtliches politisches kapital vollbringen können, wenn er es nur darauf ansetzt.

dieser sachverhalt ist auch direkt verbunden mit den tpp (trans pacific partnership) verhandlungen, dem transatlantischen freihandelsabkommen, dessen mitglieder etwa 40% des gesamten welthandels abdecken. tpp wird als bedeutendes sprungbrett angesehen, mithilfe dessen abe seine strukturreformvorhaben noch stärker voranbringen kann. mit seinen bestimmungen beispielsweise zur öffentlichen auftragsvergabe oder investitionen wird tpp japan auch strukturreformen durch die hintertür aufzwingen. es ist immer noch ein weiter weg bis zum abschluss der verhandlungen, auch wenn obamas neu errungene trade promotion authority den verhandlungen einen enormen vorschub geleistet hat. aber man kann die abe regierung zu den verhältnismäßig effizienten, leisen und sachlichen verhandlungen belobigen. verglichen mit früheren freihandelsabkommen laufen die verhandlungen glatter ab und ohne unzählige querschüsse aus allen richtungen, die die verhandlungen lahmlegen würden, wie es so oft vorfiel – im fall japan-korea beispielsweise, genau wie beim japan-mexiko abkommen, blieben die verhandlungen festgefahren im fegefeuer zwischen ja zenchu und keidanren, japans mächtigem arbeitgeberverband. abe hat bisher die größten hürde auf japanischer seite geschickt umfahren, was hoffnung auf einen erfolgreichen abschluss der verhandlungen macht. denn ob die erfolgreich sein werden wird hauptsächlich daran liegen, ob sich tokio und washington einigen können, die  zusammen über drei viertel der wirtschaftskraft der tpp region ausmachen (siehe grafik unten).

die abschließenden maßnahmen unter der überschrift deregulierung, nämlich ‚das gesundheitssystem ankurbeln’ und ‚innovation anregen’ verlagern den fokus auf die tokku, japans neuestem experiment mit sonderwirtschaftszonen. die tokku wurden angepriesen als labore, um japans stärker abgeschottete wirtschaftszweige aufzubrechen und kontroverse maßnahmen zuerst auf miniaturskala auszutesten (zum beispiel die lockerung der einwanderungsbestimmungen oder die flexibilisierung des arbeitsmarktes). aber wie japan macro advisors aufzeigen (link) gab es bereits über 1000 reformvorschläge, die in die tokku ausgelagert wurden, seit premierminister koizumi diese idee anfang der 2000er zuerst nach japan geholt hatte – alle mit nur wenig wirkung. tokio zum beispiel genießt schon seit jahren tokku privilegien ohne dass je viel daraus geworden wäre: pläne, tokio zu einem dreh- und angelpunkt für regionale firmenhauptquartiere zu machen sind kläglich gescheitert (ziel war es, 500 firmen anzuziehen und mindestens 50 regionale hauptquartiere: bisland sind dem ruf nur zwei firmen gefolgt).

premierminister abes vorstoß in die tokku idee hat anfänglich ebenfalls für viel medienwirbel gesorgt. seitdem hat man aber wenig gehört in puncto bahnbrechende ideen, die sich auf den weg von den tokku auf die nationale bühne machen. diese kleineren sonderzonen können tatsächlich ein gutes instrument sein, kühnere vorhaben zuerst in einer ‚sicheren’ umgebung testen zu können, das hat china vorgemacht. im japanischen fall allerdings, sagen bürokraten inoffiziell, werden die tokku von opponierenden ministerien gerne auch als gelegene begräbnisplätze angesehen, in denen man ohne großen aufhebens in aller stille vorhaben beerdigen kann. ohne einen klareren fahrplan und eine stärkere zusage der regierung aber, erfolgreiche pläne aus den tokku auf die nationale ebene zu heben, werden abes tokku zum 1001. beerdingungsplatz für reformvorhaben verkommen.

blickt man über die obigen unterziele der regierung hinaus aber, selbst nach zwei jahren und jetzt zu beginn der nächsten sitzungsrunde des parlaments, fehlt es abenomics an allen ecken und kanten an klaren und umsetzbaren vorschlägen. erst vor wenigen wochen hat permierminister abe konkretisiert, was sein immer noch recht ominöser dritter pfeil eigentlich beeinhalten soll. und die meisten seiner vorschläge waren schlicht enttäuschend: japans universitäten mehr international wettbewerbsfähig machen (erfolgsaussichten: verschwindend gering, solange japan nicht die ganze idee was eine ‚universität’ überhaupt bedeuten soll komplett generalüberholt); die einwanderungsbestimmungen lockern (erfolgsaussicht: unwahrscheinlich, siehe auch die diskussion weiter oben; japan überschätzt seine anziehungskraft für globales talent gewaltig; und skilehrer – die gesondert herausgegriffen wurden als besonders willkommen –werden japans wirtschaft alleine auch nicht auf neue skier gestellt bekommen); und den anteil an generischen arzneimitteln in rezepten bis 2020 auf 80% steigern (ein klares ziel, das zwar auf heftigen widerstand stoßen wird, aber durchaus realisierbar scheint, wenn man sich japans starke institutionelle rahmenbedingungen bei der (preis-)kontrolle des gesundheitssektors ansieht).

deregulierung, die dritte komponente im dritten pfeil von abenomics ist also noch eine geschichte von abers und vielleichts: schaut man sich abes kessel buntes an verschwommenen reformvorhaben an, scheint es, als wäre seine hoffnung so viele pfeile abzuschießen wie nötig, bis genug in der zielscheibe stecken bleiben, um einen unterschied zu machen. in wahrheit sollte man abenomics dann eher als flak denn als nur einen köcher mit drei pfeilen beschreiben. das problem bei der ganzen sache ist allerdings, dass bislang nur so wenige pfeile ins mark getroffen zu haben scheinen. um tatsächlich eine nachhaltige trendwende einzuleiten wird die abe regierung mit klareren zielen und vorhaben aufwarten müssen – und anfangen, prioritäten zu setzen. zu viele schwerpunkte bedeuten im endeffekt gar keinen schwerpunkt; genau das ist auch der grund dafür, dass so viele ideen und vorhaben in solch unklaren zuständen feststecken.

die nornen spinnen weiter

dass tiefgreifende wirtschaftsreformen eine chaotische angelegenheit sind ist nur natürlich und wird klar, wenn man sich die wichtigsten indikatoren anschaut. aber man kann abenomics nicht einfach als cleveres marketing ohne viel substanz abtun. trotz vieler unklarheiten und rückschläge hat shinzo abe einige beeindruckende fortschritte erzielt, angefangen bei den landwirtschaftsreformen, über eine neue lohnpolitik, bis hin zu zügigen und sachlichen tpp verhandlungen und zu einer steigenden erwerbstätigkeit von frauen – und nicht zuletzt: premierminister abe hat japan wieder fest auf der politischen weltkarte verankert, wo es für zwanzig jahre ein schattendasein in höflichem desinteresse geführt hat.

2015 kann ein wendepunkt werden, in dem die stimmung in den inländischen wirtschaftssektoren mit der der international ausgerichteten in den gleichlauf schaltet und in dem die reallöhne und der einzelhandelsumsatz das potenzial haben, aus den negativen zahlen zu kommen – wenn shinzo abe denn sein beeindruckendes politisches kapital weise ausgiebt. das größte problem aber ist, dass sein fokus anderswo ist, nämlich bei seinen unbeliebten nationalistischen lieblingsprojekten, verfassungsreform, kollektiver selbstverteidigung, und dem herumeiern über die dunklen kapitel in japans kriegsvergangenheit. und sie fressen mehr und mehr seiner zeit auf. das prophezeit nichts gutes für die nächste runde an daten, während doch so viele schlüsselindikatoren auf so wackligen beinen stehen wie gerade.